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Ein Abend mit Marianne Sägebrecht

Am Samstag, den 22.07.2017 hatte der Kulturverein Dudelsäckle e.V. zu einer literarischen Lesung mit Marianne Sägebrecht eingeladen. Ergänzt wurde diese Lesung mit musikalischen Beiträgen des Duos Saiten Springer. Veranstaltungsort war diesmal der kleine Kursaal. Im nachhinein betrachtet war dies kein optimaler Veranstaltungsort. Seit seiner Renovierung ist der Kursaal eher ein geeigneter Ort für geschlossene Gesellschaften, wobei die Betonung auf geschlossen liegt und die Gesellschaft auch mit dem Attribut „ bessere „ noch deutlicher beschrieben wäre. Wenn man samstags mit der Straßenbahn am Kursaal vorbeifährt, sieht man dort häufig eine fleischgewordene Anzahl von Barbie und Ken Puppen, die dort Hochzeit feiern. Drappiert in weißer Kutsche oder Porsche Cabriolet dient ihnen der Kursaal als Bühnenbild für Hochzeitsfotos. Umgangssprache ist wahrscheinlich ein Mix aus unnötigen Anglizismen, Terminologien italienischer Spezialitäten, gepaart mit Honorationenschwäbisch. Eigentlich kein Dudelsäckle Millieu.

Sägebrecht & Saitenspinner - Dudelsäckle.DE
© Foto: Roger Koschemann

In ihrer Biographie hatte ich gelesen, dass Marianne Sägebrecht in Schwabing ein Kleinkunst lokal mit dem Namen „ Mutti Bräu „ gefüht hatte. Ich war zwar niemals dort, aber die Überschrift „ Ein literarischer Abend mit Marianne Sägebrecht im Mutti Bräu „ klingt zumindest sprachmusikalisch ziemlich perfekt. Nun also leider suboptimal im Kursaal. Ich war schon um halb Sieben vor Ort und es wurde mir und einem Kollegen die Möglichkeit zu einem Interview mit Marianne Sägebrecht gegeben. Normalerweise habe ich hierfür ein paar Fragen vorbereitet und ein Interview dauert nicht länger als zwanzig Minuten. Doch dieses mal wurden die ganzen neunzig Minuten ausgeschöpft. Es war auch kein Inter-View,sondern nur eine View,und zwar eine View in die ganz eigene Welt der Marianne Sägebrecht. Fragen werden am besten nicht gestellt, sondern man lauscht einem sowohl dominanten als auch charmanten Monolog. Ich kenne solche Monologe aus meiner Verrgangenheit mit meiner Mutter. Sie war ein ganz lieber und hilfsbereiter Mensch und ausgestattet mit einem immensen Mitteilungsbedürfnis. Wenn ich mich als Student mal wieder zuhause blicken lies, wurde ich schon sehnsüchtig erwartet. Zuerst geknuddelt und geküsst und dann mit der Leibspeise verwöhnt. Dann begann ein Monolog, den man besser nicht unterbrechen sollte. Macht man unvorsichtigerweise doch mal den Mund auf, wird man noch intensiver mit der Leibspeise gemästet. Nach ungefähr einer Stunde sagte sie dann Sätze wie, „Was ist denn los mit? Du sagst ja gar nichts. ( Ja wie denn auch !) und dann begann ein normales ausgewogenes Mutter / Sohn Gespräch. Also 10 % Gesprächsanteile Sohn und 90 % für die Frau Mama. Die View mit Frau Sägebrecht verlief dramaturgisch gesehen ganz ähnlich. Interessant war für mich hierbei ihre Weltenerklärung, die viele Parallen mit neurologischen Erkenntnissen der menschlichen Evolutionsbiologie aufweist. Demnach sind zwei sich eigentlich widersprechende Veranlagungen des Menschen für seine Entwicklung verantwortlich. Zum einen ein aggressiver und egoistischer Sozialdarwinismus und gegensätzlich dazu die Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln. Fürs zweite sind physisch nachweisbare Spiegelneuronen zuständig. Sie bilden im Gehirn ein Resonanzsystem, das Gefühle und Stimmungen anderer Menschen beim Empfangen zum Erklingen bringt. Nur durch diese Spiegelneuronen sind Menschen empfänglich für emotionale Sympathie und können so zu einem sozialen, mitfühlenden Wesen werden. Diese Nervenzellen reagieren so als ob man das Gesehene oder Gehörte selbst ausgeführt hätte. Die Anzahl dieser Zellen sind ausschlaggeben für Mitgefühl und Intuition. Jeder Mensch schwankt nun zwischen diesen beiden Handlungsmaximen. Empathischer Altruist oder aggressiver Egoshooter. Neurologen sind davon überzeugt, das letztendlich die Spiegelneuronen den Sieg davon tragen werden, denn mit jeder Generation steigt auch der statistische Anteil von Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn. Irgendwann einmal, in den Zyklen der Evolution gedacht, sind die Menschen dann ganz friedlich und auch die Gegensätze zwischen den Geschlechtern werden sich immer mehr verringern.
Eine doch schöne Aussicht.
Sicher bin ich mir aber, dass sich im Gehirn von Frau Sägebrecht überdurchschnittlich viele Spiegelneuronen nachweisen liesen. In ihrer Weltenerklärung kamen zwar keine neurologischen Erkenntnisse vor, aber sie kam zum gleichen Ergebnis. Sie bediente sich hierbei aus einem Mix von Religionen, Astrologie, Schamanentum, Esoterik, Literatur und Küchenpsychologie,- also kurzum des gesamten Humuses für den gehobenen weiblichen Kaffeeklatsch.

Marianne Sägebrecht - Dudelsäckle.DE
© Foto: Roger Koschemann

Nach diesen ersten 90 Minuten einer Privatvorstellung begann dann das eigentliche Programm. Marianne Sägebrecht äußerte sich mit eigenen und fremden Texten zu dem, was sie interessiert und wofür sie sich engagiert. Interessieren tut sie sich für alles und engagieren tut sie sich für vieles, Hauptsache es geschieht mit oder aus Liebe. Zu ihren feministischen Schutzheiligen hat sie sich Ursula von Bingen und Sybilla Merian auserkoren, und ihr Fantasialand ist die brasilianische Insel Surinam.

Mit dieser Mischung traf sie auf jeden Fall den Geschmack des Publikums. Hauptsächlich bestand das Publikum aus Damen der Generation 50 plus. Marianne Sägebrecht formuliert das, was diese Frauen selber gerne sagen würden, wenn sie das gleiche kommödiantische Talent hätten. So verhielten sie sich auch nicht wie ein Theaterpublikum, sonder eher wie Fußballfans. Jeder Text wird als gelungener Spielzug beklatscht und jede Pointe endet in einer Art Torjubel. Die Trefferquote blieb konstant hoch, was bei einer Spielzeit von über 2 Stunden eine gewaltige Leistung darstellt.

Ergänzt wurde die Lesung durch musikalische Beiträge des Duos Saiten Springer. Inhaltlich hatten diese Beiträge nichts mit dem Hauptprogramm zu tun, was dafür spricht, dass die beiden über genügend Einsicht verfügen sich nicht bei Frau Sägebrecht einzumischen und womöglich zu stören. Ihr Part ist vergleichbar mit Nummerngirls, also hübschen, leicht bekleideten Damen, die bei einem Boxkampf mit einem großen Nummernschild die nächsten Runde ankündigen. Die Saiten Springer sind nun kein Blickfang, sondern ein Hörfang und ihre Darbietungen waren musikalisch gesehen durchaus sexy. Es wäre überlegenswert ob das Dudelsäckle ihnen einmal den Rahmen für ein Soloprogramm bietet.
So gegen elf Uhr neigte sich das Programm dem Ende zu.Es war nicht nur viel gelacht, sondern auch viel geschwitzt worden, und das obwohl die Fenster geöffnet waren.
Zu diesen tropischen Temperaturen also zusätzlich noch ein herzerwärmendes Programm ?
Kein Problem !
Es war sogar erfrischend.